Eine Auswahl aus dem Archiv, mit kurzer Einordnung und einer Leseprobe zu jedem Text.
Paul Wißwede: Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (1952, Heft 1)
Der erste Jahrgang nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren, in denen die Zeitschrift verboten war und dann jahrelang schwieg. Wißwede fragt in seinem Vorwort, woraus einer lebt, der einer todbringenden Welt widerstehen konnte — 1952 war das keine rhetorische Frage.
Verhalten sich nicht diese beiden Worte zueinander wie Quelle und Strom, göttliche Ausrüstung und menschliches Wirken, Grundsteinlegung und gigantischer Aufbau?
Otto Schmitz: Die Grenze der Gemeinde Jesu nach dem Neuen Testament (1955, Heft 1)
Wer gehört dazu, und wer entscheidet das? Der Neutestamentler kommt zu einem Ergebnis, das quer zu den meisten Erwartungen steht: Das Neue Testament kennt keine Gemeinde in Reinkultur und strebt sie auch nicht an.
So groß das Verlangen des Apostels ist, die Gemeinde „dem Christus als eine reine Jungfrau zuzuführen“, so wird doch bei ihm so wenig wie bei den anderen neutestamentlichen Zeugen das Bestreben sichtbar, eine von allen, die nicht dazugehören, völlig reine Gemeinde, sozusagen eine Gemeinde in Reinkultur, herzustellen.
Paul Schwidurski: Der Weg des Wortes in die Welt nach Apg. 1–15 (1961, Heft 1)
„Die Gemeinden haben sich eingeigelt“ — ein Satz von 1961, den man heute unverändert schreiben könnte. Schwidurski liest die Apostelgeschichte als Gegenbild und fasst Verkündigung in drei Bewegungen: Herzuruf zu Jesus, Herausruf aus der Welt, Hineinruf in die Gemeinde.
Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften führen heutzutage vielfach ein von der Welt abgekapseltes Sonderdasein. Offene Feldschlachten auf breiter Front oder Durchbrüche tief in das feindliche Land hinein kommen kaum vor. Die Gemeinden haben sich eingeigelt.
Fritz Rienecker: Der Mensch, biologisches Entwicklungsprodukt oder geschaffen nach dem Ebenbild Gottes? (1962, Hefte 2 und 3)
Der Verfasser des Lexikons zur Bibel nimmt sich die Schöpfungsfrage vor, zweiteilig und in aller Ausführlichkeit. Ein Zeitdokument, das zeigt, wie diese Auseinandersetzung vor sechzig Jahren geführt wurde — lesenswert besonders im Vergleich mit Alexander Finks Aufsatz von 2023.
Unser Glaubensbekenntnis im Blick auf die Heilige Schrift lautet: die Bibel ist unteilbar und „absolut zuverlässig“ die Botschaft von der göttlichen Erschaffung der Welt, von der göttlichen Erlösung des Menschen und von der göttlichen Vollendung der Welt.
Prof. D. Schaller: Der Christ in der Autoritätskrise der Gegenwart (1972, Heft 2)
Vier Jahre nach 1968 geschrieben, und die Unterscheidung trägt bis heute: Es gibt eine Autorität, die formal besteht und doch keine ist, weil sie niemanden mehr überzeugt. Wer über Vertrauensverlust in Kirche und Institutionen nachdenkt, findet hier den Ausgangspunkt.
Damit wird schon deutlich, dass eine formale Autorität bestehen kann, die im Grunde keine ist, weil sie nicht oder nicht mehr überzeugt. Für unsere Überlegungen bedeutet das: Autorität muss inhaltlich gefüllt sein, damit sie wirklich Autorität ist.
Erich Beyreuther: Pietismus und Theologie (1974, Heft 1)
Der Kirchenhistoriker widerspricht der bequemen Einteilung, wonach bibeltreue Theologie dem Pietismus stets nahe und kritische Theologie ihm stets fern gewesen sei. Sein Satz über eine Theologie, die sich dem Anspruch der Gemeinde entzieht und damit ihren Auftrag verfehlt, ist eine Mahnung in beide Richtungen.
Theologie und Gemeinde sind aufeinander zugeordnet, wenn nicht beide Seiten Schaden nehmen wollen. Eine sich dem Anspruch der Gemeinde entziehende Theologie verfehlt zuletzt auch ihren Auftrag und begibt sich eines unentbehrlichen Gesprächspartners.
Siegfried Kettling: ZEIT in biblisch-theologischer Sicht (1977, Heft 1)
Kettling stellt dem biblischen Zeitverständnis die landläufigen Vorstellungen gegenüber — darunter die Zeit als mythisches Ungeheuer, das alles verschlingt. Ein Text über etwas, das jeder zu kennen glaubt und kaum jemand erklären kann.
Der „Zahn der Zeit“ zernagt, zerfrißt, zermalmt. Die Zeit erscheint im Bilde eines mythischen Ungeheuers, das alles verschlingt, dem nichts und niemand zu widerstehen vermag.
Helmuth Reske: Recht und Grenzen der Situationsethik (1978, Heft 1)
Beginnt am Elternabend mit dem Satz einer Mutter: Die Kinder sollen lernen, was gut und böse ist. Reske zeigt, wohin es führt, wenn an die Stelle der Norm das eigene Empfinden tritt — eine Frage, die seither nicht kleiner geworden ist.
Mir begegnen in meiner Gemeinde bei Elternabenden für Konfirmanden immer noch Eltern, die auf die Frage nach ihren Erwartungen an den Konfirmandenunterricht sagen: Unsere Kinder sollen lernen, was gut und böse ist!
Peter Beyerhaus: Reich Gottes und moderne Zukunftserwartung (1981, Heft 1)
Der Missionswissenschaftler beschreibt den Umschwung vom Zukunftsoptimismus der sechziger Jahre zur Zukunftsangst der siebziger — und fragt, was christliche Hoffnung davon unterscheidet.
Dum spiro, spero – solange ich atme, hoffe ich. Als teleologisches Wesen ist der Mensch dazu bestimmt, von einer belebenden Hoffnung vorwärts getragen und ermutigt zu werden.
Zwei Dokumente aus dem Jubiläumsjahr 1988
Zum hundertjährigen Bestehen des Gnadauer Verbandes erschienen in akzente zwei Texte, die dasselbe Thema von zwei Seiten beleuchten: das Positionspapier des Verbandes und ein Interview mit seinem Präses. Ein Stück Kirchengeschichte aus erster Hand.
Kurt Heimbucher: Der Gnadauer Verband als geistliche Bewegung in der evangelischen Kirche (1988, Heft 1)
Das Positionspapier zum Verhältnis von Landeskirche und Gemeinschaftsbewegung, nach acht Jahren Beratung. Ein Grundlagentext der Gemeinschaftsbewegung, samt Heimbuchers offenem Wort, dass ein großer Verband keinen Zick-Zack-Kurs nach Einzelstimmen fahren kann.
Es möge doch auch anerkannt werden, dass ein so großer Verband, wie es der unsrige ist, sich nicht nach jeweiligen Einzelstimmen im Blick auf seinen geistlichen Kurs richten kann. Wir würden sonst einen fatalen Zick-Zack-Kurs fahren.
Kurt Heimbucher: Pietist sein heißt evangelisch sein — 100 Jahre Gnadauer Verband (1988, Heft 5)
Ein Interview des Evangelischen Pressedienstes zum hundertjährigen Bestehen des Gnadauer Verbandes, geführt von Hans Hafenbrack. Heimbucher spricht über das Verhältnis zur Landeskirche, über Abendmahl und Taufe in den Gemeinschaften und über die Frage, ob pietistisch und evangelikal dasselbe meinen — freimütiger, als es das Positionspapier desselben Jahrgangs zulässt.
Es wäre schlimme Schwarzweißmalerei, zu behaupten, hier ist die sterbende Kirche und dort der gesunde Pietismus.
Siegfried Kettling: Gesetz und Evangelium — eine Abkürzung für das elementare Evangelium (1990, Heft 1)
Drei Worte für das Elementare: Heil den Sündern, Freiheit den Gefangenen, Trost den Angefochtenen. Daran misst Kettling Albert Schweitzers These, die Rechtfertigungslehre sei bei Paulus nur ein Nebenkrater.
Es geht in aller evangelistischen Verkündigung darum, elementar zu reden. Dazu drei Stichworte: Heil den Sündern, Freiheit den Gefangenen, Trost den Angefochtenen.
Hartmut Bärend: Gott wartet (1993, Heft 1)
„Doch ihr habt nicht gewollt.“ Bärend setzt mit diesem Satz aus dem Matthäusevangelium an und wendet ihn zu der Einsicht, dass Gott wartet und tut, was wir nicht tun können.
„Doch ihr habt nicht gewollt.“ Wie Hammerschläge klingen die einzelnen Wörter. Doch das ist kein Dennoch, kein Weg nach vorn, kein Hoffnungsschimmer, sondern harte, schneidende Wirklichkeit, feststehende Tatsachen, unverrückbar.
Günther Baumbach: Christologie und Antijudaismus (1994, Heft 1)
Von allen Aufsätzen dieser Auswahl vielleicht der aktuellste. Baumbach greift David Flussers Vorwurf auf, man weiche der Frage nach dem Antijudaismus im Neuen Testament aus, und zeigt, dass sich gerade am Reden über Jesus entscheidet, ob man ihm verfällt.
Wie gehen wir mit judenkritischen Texten im N.T. um? Im Jahre 1978 schrieb David Flusser: „Heutzutage versucht fast jeder zu beweisen, daß es im Neuen Testament keinen Antijudaismus gibt.“
Siegfried Kettling: Voll guter Hoffnung (2001, Heft 6)
Kettling setzt beim Unterschied zwischen Tier und Mensch an: Das Tier lebt im Augenblick, der Mensch trägt Vergangenheit und Zukunft mit sich und ist damit auf Hoffnung hin angelegt. Dass er die christliche Hoffnung dann mit „Der Appetit kommt beim Essen“ beschreibt, sagt viel über seine Art zu denken.
Tiere sind Gegenwartswesen, von Instinkten getrieben, von Schlüsselreizen gesteuert, dem Augenblick hingegeben. Menschen aber existieren „geschichtlich“, d.h. sie tragen in jeder Gegenwart ihre Vergangenheit als Erinnerung und Erfahrung und ihre Zukunft als Erwartung und Planung bei sich.
Hans-Joachim Martens: Das kommunikative Ich (2002, Heft 1)
Über das Verhältnis von Einzelnem und Gemeinschaft, geschrieben vor den sozialen Netzwerken und doch mit dem Blick dafür, wohin es geht. Die Verhaltensregel, die Martens beschreibt — kümmere dich um dich selbst und geh weiter — trifft zwanzig Jahre später genauer als damals.
Die Verhaltensregel für die Angehörigen der kindlichen Gesellschaft lautet: „Kümmere dich um dich selbst und geh weiter.“
Lutz Behrens: Braucht die RGAV einen neuen Namen? (2003, Heft 1)
Der Vorsitzende wirbt vor dem hundertjährigen Jubiläum für einen neuen Vereinsnamen und berichtet nüchtern, wie der Vorschlag ankam: kein Aufschrei, weder dafür noch dagegen. Ein Stück Vereinsgeschichte aus erster Hand — ein Jahr später hieß die RGAV Dienstgemeinschaft für Verkündigung und Seelsorge.
Liebe Mitglieder, in meinem letzten Tätigkeitsbericht war zu lesen, daß wir als RGAV zum 100jährigen Jubiläum 2004 einen neuen Namen benötigen. Die Reaktionen hielten sich in Grenzen. Kein Aufschrei ging durchs Land.
Franz Ruppert: Die fundamentale Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung für die psychische Gesundheit eines Menschen (2016, Heft 1)
Der Psychologe erklärt, warum frühe Bindung über seelische Gesundheit entscheidet, und findet dafür das Bild der Mutter als emotionaler Tankstelle. Ein Aufsatz für alle, die seelsorgerlich mit Menschen zu tun haben.
Die Mutter ist für sie die „emotionale Tankstelle“, an deren Körper sie ihren Stress abbauen, um sich wieder ohne Angst ihrer Umwelt zuwenden zu können.
Arndt Schnepper: Ohne Manuskript auf die Kanzel — Ein Plädoyer für die freie Predigt (2018, Heft 1)
Beginnt mit der Erinnerung an einen verregneten Sonntag in Hamburg, an dem der Verfasser zum ersten Mal eine frei gehaltene Predigt erlebte. Aus dieser Erfahrung wird ein Plädoyer, das die Kanzel als Ort des gesprochenen und nicht des vorgelesenen Wortes ernst nimmt.
Ich werde nicht vergessen, wie ich als Student das erste Mal eine freie Predigt selbst erlebte. Ich saß nichts ahnend in einem Gottesdienst, irgendwo an einem verregneten Sonntag in Hamburg.
Alexander Fink: Sind Wunder möglich? Eine naturwissenschaftliche Antwort (2023, Heft 1)
Aus dem letzten Jahrgang der Zeitschrift. Finks Bild bringt die Sache auf den Punkt: So wenig man van Gogh durch chemische Vermessung eines Bildes als dessen Maler nachweisen kann, so wenig erschließt die Vermessung des Kosmos seinen Schöpfer.
Ebenso wenig wie man durch physikalisch-chemische Vermessung eines Bildes den Maler Vincent van Gogh als Autor des Bildes nachweisen kann, kann die Naturwissenschaft durch Vermessung des Kosmos Existenz und Wesen des Schöpfers erschließen.